Agile Schule Teil 1: Warum wir unser Kind nicht auf eine Regelschule schicken werden

Agile Schule Teil 1: Warum wir unser Kind nicht auf eine Regelschule schicken werden

Es gibt keine Agile Schule! Oder doch? Wie Schule heute gelebt wird, ist meistens immer noch meilenweit entfernt von den Agilen Prinzipien.

Dies ist Teil 1 der Serie über unseren Weg zur Schule. Weitere Teile dieses Wegs werden demnächst hier folgen.

In diesem Teil erfährst du, wie wir als Agile Eltern zu einer nicht ganz leichten Entscheidung bezüglich der Schulwahl für unseren Wirbelwind gefunden haben.

Schule? Kein Thema!

Wie mit vielen Themen in meiner Elternschaft, habe ich mir anfangs gar keine Gedanken darüber gemacht, wo unser Kind mal auf die Schule gehen sollte. Ich war fest davon überzeugt, dass unser Kind, wie alle anderen Kinder auch, auf die normale Grundschule kommen würde, die uns zugeteilt würde. Selbst als mir schon klar war, dass unser Kind anspruchsvoller ist als andere Kinder, machte ich mir über das Thema Schulwahl noch gar keine Gedanken.

Ein gefühlsstarkes Kind in der Regelschule?

Doch dann kam das Jahr 2017 mit seinen großen Umbrüchen für unsere gesamte Familie: Wir zogen um, Wirbelwind wurde Kindergartenkind und im Herbst wurde Sonnenschein geboren.

Diese vielen Veränderungen waren für uns Erwachsene schon schwer. Wirbelwind schien das alles komplett aus der Bahn zu werfen. Noch vor dem Umzug klammerte sie sich unablässig nur noch an mich. Der Herzensmensch durfte fast nichts mehr für sie tun. Sie war so verunsichert, dass nur noch ihre primäre Bezugsperson in Frage kam. Nach dem Umzug und nach der Geburt von Sonnenschein wurden ihre Wutanfälle immer schwieriger zu bewältigen.

Alles in allem merkte ich, dass unser Wirbelwind viel stärkere Bedürfnisse hatte, die durch die Veränderungen im Jahr 2017 deutlich im Mangel waren. Und obwohl wir das Glück hatten, noch einen Platz in einem ganz wunderbaren kinderfreundlichen Kindergarten zu ergattern, ging Wirbelwind einfach nicht gern hin. Mittlerweile hatte ich dank Nora Imlau auch einen Namen für Wirbelwinds Temperament: Sie war gefühlsstark.

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Und so langsam bekam ich Zweifel, ob unser Kind in einer Regelschule gut aufgehoben wäre. Ich bekam mehr und mehr das Gefühl, dass ein Schulbetrieb, in dem unserem Kind den ganzen Tag vorgegeben wurde, was es wann zu lernen hatte, wann es sich bewegen durfte und wann nicht, wann es essen durfte und wann nicht, ihr nicht gut tun würde. Wenn ich sie nachmittags aus dem Kindergarten abholte (immer mit Baby in der Trage), schafften wir es kaum bis nach Hause ohne Eskalation. Wie sollte das erst werden, wenn sie nicht den ganzen Tag spielte, sondern einem Stundenplan folgen musste?

Informationsbeschaffung über Erfahrungen mit der Grundschule

Wie immer, wenn ich Zweifel hatte, versuchte ich, alle Informationen aufzusaugen, die ich kriegen konnte.

1. Literatur & Internet

Ich las fleißig in meinen Facebookgruppen zum Thema Schule mit, las Artikel, die sich damit auseinandersetzten, z.B. „Wenn der Ernst des Lebens beginnt“ von Elternmorphose und schaute den viel empfohlenen Film Alphabet.

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Und wie das mit Recherche so ist: Wenn man anfängt, in ein Thema einzusteigen, kommen immer mehr Randthemen dazu. So setzte ich mich auch noch mit der Schulpflicht und dem Freilernen auseinander. Dabei stellte ich fest, dass ich mir diesen großen Schritt der Flucht vor der Schulpflicht bzw. jahrelange Rechtsstreitigkeiten mit Behörden für unsere Familie nicht vorstellen konnte.

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2. Vor Ort

Wir wollten auch der örtlichen Grundschule eine faire Chance geben. Vorab-Information für Eltern waren da aber eher nicht im Konzept vorgesehen. Es gehen ja standardmäßig alle Kinder da hin. Webseite? War nicht vorhanden. Konzept? Fehlanzeige. Infoveranstaltungen für Eltern? Erst kurz vor Einschulung.

Ich kam mir irgendwann echt blöd vor, als ich zum x-ten Mal beim Sekretariat anrief und um irgendeine Art von Informationen bettelte. Schlussendlich durften wir zu einem Gespräch in’s Sekretariat kommen und Fragen stellen. Zum Lesen bekamen wir dann die (durchaus aufschlussreiche) Schulordnung ausgehändigt.

Auch in der KiTa holten wir uns eine Einschätzung ein, ob unser Kind sich in der Regelschule zurechtfinden würde. Zusätzlich fragten wir Eltern aus der Umgebung, wie ihre Erfahrungen mit der Grundschule waren.

So richtig überzeugt hatte uns das alles nicht. Mit den vorhandenen Informationen hatten wir noch nicht das Gefühl, den richtigen Weg für die Schulzeit unsere Tochter gefunden zu haben.

Alternativen zur Regelschule

Was waren also die Alternativen? Wir suchten Schulen, die der gesetzlichen Schulpflicht genügten, die aber in ihrer Umsetzung der Menschenwürde von Kindern Respekt zollten.

Nach etwas näherer Beschäftigung mit verschiedenen Schulformen, blieben für uns Freie Alternativschulen oder Montessori-Schulen übrig. Waldorfschulen kamen aufgrund des esoterischen Hintergrunds und dem Rassismus des Begründers der Waldorfpädagogik Rudolf Steiner nicht in Frage.

Mit diesen Vorbedingungen und dem Wunsch, mit einem Grundschulkind nicht allzu weite Strecken allmorgendlich auf uns nehmen zu müssen, blieben nur noch eine Handvoll Schulen für unser Kind zur Auswahl. Zu diesem Zeitpunkt war Wirbelwind 4 Jahre alt.

Hätte man mir 4 Jahre vorher gesagt, dass ich zu so einem frühen Zeitpunkt Schulen für mein Kind suchen würde, hätte ich ungläubig den Kopf geschüttelt und mich zur Helikoptermutter erklärt.

Auf Tuchfühlung mit alternativen Schulen

Wir besuchten nun diverse Informationsveranstaltungen der in Frage kommenden Schulen. Ich bekam leuchtende Augen bei den Führungen durch die Schulgebäude: Keine Klassenräume, viele verschiedene Möglichkeiten für kreatives Ausleben, Rückzugsorte. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie unser Wirbelwind sich dort entfalten konnte.

Doch einen großen Haken hatten all diese Schulen: Sie würden gerade im Grundschulalter von uns Eltern abverlangen, dass wir unser Kind auf dem Schulweg begleiteten. Jeden einzelnen Tag. Im Vergleich zur örtlichen Grundschule, die wir von unserer Wohnung aus sehen und hören können, eine hohe zusätzliche Belastung für unser Familiensystem.

Können wir den Mehraufwand als Familie stemmen?

An diesem Punkt gingen die Meinung des Herzensmenschen und meine auch sehr deutlich auseinander. Egal, wann wir das Thema anschnitten, wir schafften es einfach nicht, einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Aus dieser Situation heraus versuchten wir eine Lösungsfindung angelehnt an ein Workshop-Format, das ich mal in einem Team-Visions-Workshop verwendet hatte. Der Herzensmensch und ich nahmen uns mehrere Stunden kinderfreie Zeit und verglichen die zwei Optionen Regelschule und alternative Schule miteinander. Wir überlegten für beide Optionen, was das Schlimmste sein könnte, was passieren kann und was das Beste sein könnte, was passieren kann. Die Punkte sammelten wir jeweils für die folgenden vier Kategorien:

  • Lernen: Wie gestaltet sich das Lernen für Wirbelwind?
  • Logistik: Wie kommt Wirbelwind zur Schule und wie verträgt sich das mit unserer Arbeit?
  • Freunde: Wie kann Wirbelwind ihre Freundschaften pflegen und wie abhängig ist sie dafür von uns (z.B. weil die Freunde weiter weg wohnen)?
  • Weiterführende Schule: Wie wird der Übergang auf die weiterführende Schule werden?
Notizzettel mit den Überschriften Freie Schule, Bedürfnisse, Strategien und jeweils abgeschnittenen handschriftlichen Textblöcken
Unsere Notizen zur Schulentscheidung

Durch diese strukturierte Informationssammlung konnten wir aufdecken, dass wir in einer Regelschule auch Glück mit der Lehrkraft haben könnten und Wirbelwind sich dann auch wohlfühlen würde. Dafür könnte es auch richtig schlimm werden, wenn die Lehrkraft so gar nicht passte. An einer alternativen Schule wäre die Abhängigkeit von einer einzelnen Lehrperson nicht so stark. Wir konnten uns in der Diskussion darauf einigen, dass auf Glück bei der zentralen Lehrperson zu hoffen, doch ganz schön dürftig für eine gute Schulerfahrung unseres großen Kindes war.

So kamen wir gemeinsam zu dem Schluss, dass eine alternative Schule die beste Wahl für unser Kind wäre, wenn wir das Thema Logistik und Selbstverwirklichung für uns als Eltern ausblendeten. Das war ein wichtiger Meilenstein für uns, zumindest auf einen Nenner gekommen zu sein, dass unser Kind auf einer alternativen Schule am besten aufgehoben wäre.

Wie soll das nur gehen?

Das Thema Logistik war dadurch ja aber immer noch da. Hier traten wir einen Schritt zurück und schrieben für uns beide jeweils unsere Bedürfnisse auf, die von dieser Entscheidung betroffen waren. Zum Beispiel, dass ich keine Lust hatte, den Frust, den eine unpassende Schule bei Wirbelwind verursachen würde, jeden Nachmittag über langanhaltende Wutausbrüche auffangen zu müssen. Demgegenüber stand, dass der Herzensmensch keine Lust hatte, jeden Tag lange Zeit im Auto zu verbringen und die Kinder morgens und abends sehen wollte.

Mit der kompletten Liste der Bedürfnisse machten wir uns im nächsten Schritt an ein Brainstorming: Welche Strategien würden helfen, die Logistik einer alternativen Schule zu bewältigen und unsere Bedürfnisse zu erfüllen? Und blitzschnell hatten wir 10 verschiedene Möglichkeiten erfasst, wie wir das Problem angehen konnten. Manche davon realistischer, manche weniger realistisch. Aus diesen Strategien wählten wir die für uns passendste aus und hatten so nach vorher monatelangen ergebnislosen verhärteten Diskussionen eine gemeinsame Entscheidung getroffen, mit der wir beide zufrieden waren.

Ich bin immer noch ein bisschen stolz darauf, wie wir unsere Erfahrungen als Agile Coaches in dieser Situation auf unser eigenes Problem anwenden konnten und so ein gutes Ergebnis gefunden hatten.

Die Entscheidung

Der erste wichtige Schritt auf der langen Reise der Schulwahl für Wirbelwind war also getan. Wir als Eltern hatten eine Entscheidung getroffen, dass wir dafür sorgen wollten, dass Wirbelwind eine Schule besuchte, die ihrem Temperament gerecht würde und ihre Freude am Lernen erhalten würde.

So konnten wir für die weiteren Schritte an einem Strang ziehen.

Wie es weitergeht

Im nächsten Teil der Serie wird es um den Bewerbungsprozess an unserer Wunsch-Schule gehen und den ersten herben Rückschlag für uns, den ich im Jahresabschluss 2019 bereits kurz angerissen habe.

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1 Kommentar

  1. Pingback: Plötzlich im Homeoffice mit Kindern - und es geht doch! | Agile Parenting

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