Was Frieren mit Selbstorganisation zu tun hat

Was Frieren mit Selbstorganisation zu tun hat

Ein Kernelement Agilen Arbeitens ist Selbstorganisation:

Errichte Projekte rund um motivierte Individuen.
Gib ihnen das Umfeld und die Unterstützung, die sie benötigen und vertraue darauf, dass sie die Aufgabe erledigen.

5. Prinzip aus dem Agilen Manifest: http://agilemanifesto.org/iso/de/principles.html

Wer trifft die Entscheidungen?

Ein Agiles Team sollte die Freiheit haben, über Belange, die das Team selbst betreffen, auch selbst zu entscheiden. Dazu gehören z.B. Entscheidungen darüber, welche Tools und Umgebungen dafür notwendig sind, um gut zu arbeiten.

Welche technischen Tools unterstützen das Team am ehesten dabei, seine Arbeit gut zu erledigen, z.B. für Themen wie Continuous Integration, automatisiertes Testen, Dokumentation? Welche Arbeitsumgebung braucht das Team, um einerseits konzentriert arbeiten zu können und andererseits sich leicht und unkompliziert abstimmen zu können? Braucht es einen großen Teamraum, in dem alle Teammitglieder ausreichend Platz haben? Braucht man einen Meetingraum, um sich absprechen zu können ohne die anderen Teammitglieder in ihrer Arbeit zu stören? Brauchen die Teammitglieder mehrere Monitore, um z.B. auf einer Seite das Testskript zu sehen und auf der anderen Seite den zu testenden Screen? Braucht das Team einen Beamer, um z.B. Mob Programming durchzuführen? Lassen sich die Kosten für diese Tools und Umgebungsanpassungen durch den Mehrwert, den sie dem Team liefern, rechtfertigen? Und wer kann das beurteilen?

Die kurze Antwort: Das Team!

Die lange Antwort: Ein selbstorganisiertes Team wird sich von Erfahrungswerten anderer inspirieren lassen, was an Tools und Arbeitsumgebungen sinnvoll sein kann. Das bedeutet nicht, dass es das eine perfekte Toolset, die eine perfekte Arbeitsumgebung für alle Agilen Teams gibt. Dafür leben wir in einer zu vielschichtigen Welt, um Schablonen auf komplexe Arbeitsbereiche legen zu können. Die richtige Ausprägung hängt immer vom jeweiligen Team und dem Kontext, in dem es arbeitet, ab. Wie findet das Team also diese richtige Ausprägung heraus? Indem es (im sicheren Rahmen) experimentiert und absolute Transparenz über die (finanziellen) Auswirkungen einer Anpassung hat. Passieren dabei Fehler? Ja, denn Fehler gehören zum Lernen dazu. Wird am Ende ein gutes Ergebnis dabei herauskommen? Ich bin davon überzeugt! Wenn man Menschen zutraut, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen, dann werden sie das (unter den richtigen Voraussetzungen) auch tun.

Diese Grundeinstellung lässt sich leicht auf Kinder übertragen (die sind nämlich auch Menschen).

Am Anfang war die Angst

Anfangs, als wir unseren Weg als Agile Eltern noch nicht gefunden hatten, war ich ziemlich verunsichert beim Thema Anziehen. Wenn ein Baby noch klein ist, kann es einem ja nicht sagen, ob ihm kalt ist und ich hatte immer Angst, dass mein Neugeborenes frieren könnte. Das führte dazu, dass ich unseren Wirbelwind, obwohl sie im Juli auf die Welt kam und der Sommer wirklich warm war, tendenziell zu warm anzog. Als sie so klein war, konnte sie sich ja nicht dagegen wehren.

Da Wirbelwind aber so ist wie sie ist, teilte sie uns schon sehr früh sehr deutlich mit, wenn etwas ihre Toleranzgrenze überschritt.

Ich erinnere mich hierbei am lebhaftesten an unseren Familienurlaub im Herbst 2015 auf einer dänischen Insel. Es war größtenteils sonnig, aber eine Jacke war schon angesagt, um nicht zu frieren. Wirbelwind war zu der Zeit etwas älter als ein Jahr.

Was haben wir mit ihr gekämpft, wenn wir nach draußen gehen wollten. Sie hat sich mit Händen und Füßen gegen ihre Jacke gewehrt, geschrien, als würde es um ihr Leben gehen. Wir waren nach dem Anziehen jedes Mal fix und fertig.

Was wir erst deutlich später verstanden: Wirbelwind war damals kognitiv noch nicht in der Lage dazu, sich vorzustellen, dass es draußen viel kälter ist als in dem warmen Ferienhaus. Sie merkte nur, dass ihr schon sehr warm war und dass sie bei diesen Temperaturen auf keinen Fall eine Jacke anziehen wollte und tat dies auch deutlich kund.

Hinzu kommt, dass wir heute wissen, dass sie nicht so schnell friert. Sie hat tendenziell eine Schicht weniger an als ich und fühlt sich wohl damit.

Von der Angst zum Lernen

Wir haben irgendwann verstanden, dass ein kleines Kind sich viel bereitwilliger eine Jacke anzieht, wenn es die Kälte wirklich spüren kann. Die einfache Lösung dafür ist: Die Jacke erst draußen anzuziehen.

So einfach ist es natürlich im echten Leben nicht immer. Wie verhalten wir uns also bei dem Thema?

Grundsätzlich sehen wir als Eltern uns verantwortlich dafür, wettergerechte Kleidung zur Verfügung zu stellen. Wir geben Empfehlungen ab, aber wir lassen unseren Kindern die Wahl, ob und wann sie welche Kleidung anziehen. Wir nehmen die Kleidung mit, von der wir glauben, dass sie zum Wetter passt (auch wir machen da Fehler!). Wir bieten dem Kind an, etwas anzuziehen, wenn wir das Gefühl haben, es friert. Wir akzeptieren aber auch ein Nein.

Das ist im wahren Leben immer noch manchmal gewöhnungsbedürftig für uns. Wie bereits erwähnt, friert Wirbelwind nicht so schnell und läuft dementsprechend häufig deutlich luftiger angezogen durch die Gegend als andere Kinder in ihrem Alter. Z.B. läuft sie am liebsten von Frühling bis Herbst in Sandalen herum, auf dem Spielplatz auch gern mal barfuß. Manchmal geht sie auch im Winter mit Sandalen nach draußen. Einigen von euch wird spätestens jetzt der Mund offen stehen bleiben und ihr werdet entsetzt denken, dass das arme Kind doch ständig krank sein muss. Ist sie nicht. Ihre letzte Erkältung ist über ein Jahr her. (Dass Kälte krank macht, ist ein hartnäckiges Gerücht, das bei Spektrum.de wissenschaftlich beleuchtet wird.)

Nicht nur an den Füßen ist Wirbelwind oft sehr luftig bekleidet. Sie ist oft das einzige Kind, das ohne Jacke auf dem Spielplatz rumläuft. Gern auch noch mit kurzen Ärmeln. Meistens maximal mit Leggings an den Beinen. Weil sie sich so wohl fühlt. Weil ihr beim Toben und Klettern und Rennen furchtbar warm wird.

Und was sagen die Leute dazu?

Wirbelwind (beziehungsweise ich als offensichtlich verantwortliche erwachsene Person) werde unglaublich oft darauf angesprochen, ob ihr nicht kalt wäre. Scheinbar ist das warme Anziehen unserer Kinder unsere heilige Elternpflicht. Den Gipfel dieser gesellschaftlichen Konvention habe ich in Wirbelwinds Krippe erlebt. Dort wurden wir tatsächlich zur KiTa-Leitung zitiert, die uns mitteilte, dass es „gar nicht geht“, dass unser Kind die 10 Meter über die Straße zu unserem Haus im Winter ohne Jacke bzw. Schneeanzug zurücklegt. (Und ja, wir haben damals wirklich direkt gegenüber von unserer KiTa gewohnt.) Die Empörung ob dieser Übergriffigkeit merkt man diesen Zeilen vielleicht auch heute noch an.

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es für die meisten unserer Belange überhaupt keine Rolle spielt, was andere Menschen darüber denken. Davon, dass ich mein Kind in eine Jacke zwinge, habe weder ich etwas noch mein Kind. Also üben wir uns darin, uns nicht von der Meinung anderer abhängig zu machen. Und das ist oft genug echt schwer.

Mit Selbstbestimmung zur Leichtigkeit

Auf unserer Reise zur Agilen Elternschaft gab es Bereiche, bei denen uns als Eltern der Lernprozess sehr schwer gefallen ist und bis heute schwer fällt. Dafür gab es aber auch Bereiche, die uns nach einem ersten Aha-Effekt fast schon intuitiv erscheinen. Die individuelle Kleiderwahl unserer Kinder gehört zur letzteren Kategorie. Heute scheint uns nichts logischer als dieser Grundsatz: Ihr Körper, ihre Entscheidung.

Oder, um es mit Alfie Kohns Worten zu sagen:

Kinder lernen, gute Entscheidungen zu treffen, indem sie Entscheidungen treffen, nicht indem sie Vorschriften befolgen.

Alfie Kohn, „Liebe und Eigenständigkeit“

Und ja, manchmal frieren sie. Und ja manchmal schwitzen sie. Und ja, manchmal haben wir Eltern nicht das richtige Kleidungsstück mit, weil wir auch nur Menschen sind. Aber auch dann finden wir eine Lösung. Sei es, dass ich meine Jacke anbiete, sei es, dass wir schnell nach Hause gehen, es gibt unzählige Möglichkeiten, wenn man sich erlaubt, wirklich kreativ zu werden.

Das Ergebnis unserer Einstellung: Unsere Kinder können beide sehr gut einschätzen, wann ihnen warm oder kalt ist. Sie sagen (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) Bescheid, wenn sie etwas an- oder ausziehen wollen. Und wir führen keine unnötigen Kämpfe mehr um das Anziehen mit unseren Kindern.

Damit bleibt mehr Kraft für die wichtigeren Dinge im Leben mit Kindern.

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