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Wie wir zu Agilen Eltern wurden

Wir sind eine Agile Familie.

Wir, das sind mein Herzensmensch, seines Zeichens Agile Coach, unsere gemeinsamen Kinder Wirbelwind (*2014) und Sonnenschein (*2017) und natürlich ich.

Ich habe 2010 das erste Mal von Agilem Arbeiten gehört. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mir der Kollege das erläuterte: „Wir arbeiten agil, also ohne Plan. Das heißt, wir machen alles chaotisch.“ Dass das natürlich ein Vorurteil ist, das sich immer noch hartnäckig hält, ist ein anderes Thema…

Von Agiler Arbeit zu Agilem Leben

Ich habe mich dann in das Thema Scrum (hier eine kurze Zusammenfassung darüber, was Scrum ist) gestürzt und wurde mehr und mehr Fan dieser neuen „Methodik“.
Erst über ein Jahr, nachdem ich die ersten Berührungspunkte mit Scrum gehabt hatte, hat es bei mir richtig *Klick* gemacht: Ich habe zum ersten Mal verstanden, dass Agiles Arbeiten mehr ist als eine neue „Methodik“. Dass es vor allem um eine grundsätzliche Einstellung gegenüber anderen Menschen geht. Dass es um Werte, Prinzipien und Unternehmenskultur geht. Diese Erkenntnis stellte alles auf den Kopf, was ich zu diesem Zeitpunkt über das Arbeitsleben, Arbeitsmoral und Verantwortung dachte. Und das beschränkte sich nicht nur auf den Arbeitskontext, sondern schlich sich nach und nach auch in mein Privatleben ein.

Als ich zum ersten Mal Product Ownerin war, lernte ich meinen Herzensmenschen kennen, der damals Scrum Master in meinem Team war. Unsere Zusammenarbeit war sehr intensiv und ich habe unheimlich viel von ihm als Coach gelernt. Zu einem Paar sind wir allerdings erst 1,5 Jahre später geworden als sich unsere Wege auf der Arbeit bereits wieder getrennt hatten.

Ein Kind verändert alles

2014 kam unser erstes Kind Wirbelwind auf die Welt und stellte erstmal wieder alles auf den Kopf, was wir uns vorher über das Leben mit Kindern vorgestellt hatten. Wir hatten ein hübsches Babykörbchen aufgestellt, in dem sie nie schlafen wollte. Wir hatten einen teuren Kinderwagen gekauft, in dem sie nicht liegen wollte. Autofahrten mit ihr beschränkten wir bald auf das absolute Minimum, da sie die meiste Zeit in der Babyschale schrie. Sie wollte immer bei ihrer Mama sein, am liebsten ganz nah am Körper.

Anfangs haben wir sehr viel Energie darauf verschwendet, zu versuchen, unser Baby in „normale“ Bahnen zu lenken. In unserem Umfeld sahen wir nur Kinder, die schon zufrieden waren, wenn sie auf dem Boden lagen oder im Kinderwagen friedlich schliefen. Und wir dachten, es müsste doch irgendein Geheimrezept geben, dass unser Kind zumindest ein paar solcher Sachen auch mitmachen würde (Spoiler: Gab es nicht!). Ich habe viel gelesen und gelesen und gelesen (z.B. Meine Top 3 Bücher für Agile Eltern oder Meine Top 3 Eltern-Blogs für Agile Eltern). Und mit der Zeit haben wir gelernt, dass unser Kind einfach sehr kompetent darin ist, seine Bedürfnisse klar und deutlich zu äußern. (Vielleicht war das auch einer der Hauptgründe, warum wir überhaupt zum Agile Parenting kamen.) Das hat uns immer wieder an unsere körperlichen und psychischen Grenzen gebracht. Tut es immer noch. Aber nicht mehr so oft. Wir haben mit der Zeit nämlich verstanden, dass wir unsere Kinder nicht zur Welt gebracht haben, um mit ihnen einen permanenten Kampf auszufechten, der allen Beteiligten Schmerz verursacht und sinnlos Kräfte raubt.

Von Elternschaft zu Agiler Elternschaft

Ein besonderes Aha-Erlebnis hatte ich als ich gerade wieder über Erziehung las („Liebe und Eigenständigkeit“ von Alfie Kohn) während ich tagsüber wahnsinnig viel Inspiration auf meinem ersten Global Scrum Gathering sammelte. In diesen intensiven Tagen wurde mir klar, dass die gleichen Werte und Prinzipien, die beim Agilen Arbeiten gelten, genauso auch für den Umgang mit Kindern gelten.

Ab diesem Zeitpunkt hörte ich nach und nach auf zu versuchen, Wirbelwind zu verändern (was eh nicht funktioniert hatte). Stattdessen fing ich an, mehr und mehr unsere Familie als Gesamtsystem zu betrachten und Wirbelwind als einen gleichwertigen Menschen in diesem System mit eigenen Bedürfnissen, die auch erfüllt werden wollten. Da ich diese Reise begonnen hatte, war es dann auch an mir, meinen Herzensmenschen auf diese Reise mitzunehmen. Auch das war nicht einfach, weil wir beide uns von vielen alten Glaubenssätzen verabschieden mussten, die wir davor relativ unreflektiert mit uns herum getragen hatten.

Nichts ist so stetig wie die Veränderung

Kurze Zeit nach dieser fundamentalen Veränderung unserer Elternschaft, war ich erneut schwanger und wir bekamen 2017 unser zweites Kind, Sonnenschein. Obwohl Sonnenschein in vielen Belangen deutlich entspannter ist als seine große Schwester, hat uns das zweite Kind nochmal auf eine extreme Belastungsprobe gestellt. Alle Ausgleichsmechanismen, die wir vor seiner Geburt erarbeitet hatten, damit wir einerseits als Einzelpersonen und andererseits als Paar nicht zu kurz kommen, waren so nicht mehr möglich. Plötzlich war einfach gar keine Zeit mehr für irgendwas übrig.

Das Einzige, was bei mir in dieser Zeit noch möglich war, war Lesen. Also las ich weiter und fing an, in virtuellen Eltern-Gruppen zu diskutieren, wodurch ich nochmal eine ganz andere Möglichkeit hatte, von anderen Eltern zu lernen. Dieser Austausch über reale Lebenssituationen mit anderen Eltern, die bereits in einer ähnlichen Situation steckten, gab mir nochmals einen extremen Lernschub, der sich erneut deutlich auf unseren Umgang mit Kindern auswirkte.

Wir integrierten unsere Agilen Werte und Prinzipien immer mehr in unseren Familienalltag, jeden Tag ein kleines bisschen. Das war nicht immer leicht. So wie es beim Agilen Arbeiten stetigen Wandel gibt, gibt es auch in der Agilen Elternschaft keinen Punkt, an dem man sagen kann, dass ab jetzt alles glatt laufen wird. Unsere Kinder entwickeln sich rasant weiter und mit jeder neuen Entwicklungsstufe ist wieder viel Kreativität in der Lösungsfindung für die alltäglichen großen und kleinen Herausforderungen des Familienlebens gefragt. Aber jetzt sind wir auf einem Weg, der sich für uns richtig anfühlt und von dem wir überzeugt sind.

Agile Elternschaft für alle

Mir fällt immer wieder auf, dass unsere Art mit unseren Kindern umzugehen in unserer Umgebung immer noch eher außergewöhnlich ist. Währenddessen ist Agiles Arbeiten zumindest in der IT-Branche aktuell in aller Munde und fast jedes Unternehmen arbeitet mittlerweile „Agil“. Daher glaube ich, dass es auch noch andere „Agile Eltern“ gibt, die sich fragen, wie man die Agilen Werte und Prinzipien, die man auf der Arbeit so zu schätzen gelernt hat, auf das Familienleben übertragen kann. Und für euch schreibe ich hier. Um euch Denkanstöße zu geben, wie man Agile Elternschaft leben kann, wie man eine Agile Familie wird.

Auf dass wir diese Idee gemeinsam in die Welt tragen.