Meine Familie ist kein Programm! – Eine Kritik

Meine Familie ist kein Programm! – Eine Kritik

In meinem Grundsatz-Artikel „Was ist Agile Parenting?“ habe ich den TED-Talk „Agile Programming for your family“ von Bruce Feiler vorgestellt. Warum er mein Verständnis von Agiler Familie nicht vollständig erfüllt, möchte ich hier nun genauer erläutern.

Worum geht es nochmal?

Der Sprecher hat für sein Buch über glückliche Familien viele verschiedene Familien besucht. Dabei traf er eine Familie, die das Agile Arbeiten in das Familienleben integriert hatte. Diese Familie hatte Agile Methoden von der Arbeit des Vaters (Software-Entwickler) übernommen, im Wesentlichen das Kanban-Board (Erläuertung, was ein Kanban-Board ist) und Retrospektiven (Erklärung, was eine Retrospektive ist).

Bruce Feiler selbst war so beeindruckt von diesem Vorgehen, dass er die Methoden mit nach Hause nahm. Er berichtet mit Begeisterung darüber, wie viel es schon ausmacht, seinen Kindern die Möglichkeit zu geben, in Familienfragen mit zu entscheiden. Er beschreibt, dass ihre nach dem Vorbild der Agilen Retrospektiven gestalteten Familienkonferenzen dazu führten, dass sie plötzlich Zugang zu den Gedanken ihrer Kinder erhielten.

Zum Zeitpunkt des Vortrags hatte er bereits 3 Jahre lang Agile Methoden mit seinen Zwillingstöchtern im Einsatz. Als Ergebnis dieses Selbstversuchs schlägt er ein Agiles Familienmanifest mit den folgenden drei Pfeilern vor:

  1. Pass dich immer wieder an
  2. Gib deinen Kindern mehr Entscheidungsgewalt
  3. Erzähl deine Geschichte

Das komplette Video kannst du z.B. auf YouTube sehen:


Bruce Feiler – Agile Programming for your family

Starke Resonanz bis heute

Das Video hat eine starke Resonanz (1,5 Millionen Aufrufe auf der TED-Seite) erfahren. Fast jeder Blog-Artikel, der sich mit dem Leben als Agile Familie befasst, verweist auf dieses Video (so wie ich das ja auch getan habe).

Ich war begeistert als ich das Video zum ersten Mal gesehen habe. Zu diesem Zeitpunkt war Wirbelwind allerdings noch sehr jung, so dass die vorgeschlagenen Methoden für mich vorerst noch nicht zur Anwendung kommen konnten.

Mit meinem heutigen Wissen kann ich den grundsätzlichen Ansatz nur unterstützen. Auch unsere Agile Familie lebt nach vielen Einstellungen, die Feiler beschreibt:

Auf dem Papier scheint der Ansatz aus dem Video also zu passen, oder?

Nicht ganz.

Prinzipien sind wichtiger als Methoden

Bei näherer Betrachtung der Ausführungen und ganz besonders der Beispiele, die im Video angesprochen werden, merkt man schnell, dass es nicht so sehr um Agile Werte geht. Vielmehr werden ganz konkret Agile Methoden behandelt, die man auch im Familienleben einsetzen kann. Feiler spricht z.B. darüber, dass eine Familien-Retrospektive Wunder bewirken kann, weil eine viel offenere Kommunikation stattfindet. Es geht darum, dass es seinen Kindern viel leichter fällt, ihre zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen, wenn sie sie in einer Checkliste abhaken können.

Ich bin überzeugt von Agilen Methoden im richtigen Umfeld. Allerdings sehe ich sie langfristig nur als ein Hilfsmittel an, um Agiles Arbeiten zu ermöglichen. Es ist vollkommen ok, am Anfang der Reise zur Agilen Familie oder zum Agilen Arbeiten mit Methoden zu starten, um die neue Herangehensweise einzuüben. Aber an irgendeinem Punkt sollte das tiefere Verständnis für Agile Werte und Prinzipien kommen, sonst läufst du Gefahr, einen Cargo-Kult (Definition Cargo-Kult) zu betreiben.

Bei mir hat es auch erst einmal einige Zeit gedauert, bis ich von der reinen Anwendung von Methoden hin zu einem tieferen Verständnis von Agilem Arbeiten und Agilem Leben gelangte (nachzulesen in „Wie wir zu Agilen Eltern wurden“).

Lesenswert in Bezug zum Agilen Arbeiten finde ich dazu Andrea Tomasinis Präsentation „Why practices are not as important as principles“ (auf Englisch).

Feilers „Familienmanifest“ in der Einzelkritik

Jetzt geht es ans Eingemachte. Um meine Bewertung noch konkreter zu machen, werde ich die drei beschriebenen Pfeiler von Feilers „Familienmanifest“ genauer unter die Lupe nehmen.

1. Pass dich immer wieder an

Dieses Prinzip kann ich nur absolut unterstützen. Nicht umsonst ist Anpassung einer meiner sieben Werte der Agilen Elternschaft.

Bei den Beispielen, die der Sprecher nennt, wären meine Lösungsvorschläge (und die Ideen unserer Kinder) allerdings deutlich radikaler. Feiler bringt zum Beispiel das gemeinsame Abendessen an und schlägt zur Stressreduktion vor, dieses flexibel auf einen Essenstermin am Tag zu legen, der für die Familie am besten passt.

Da in unserer Familie mit noch recht kleinen und unruhigen Kindern die Essenssituation selten dazu geeignet ist, um überhaupt gemeinsame Gespräche zu führen (nachzulesen in Kinder und das Sitzen beim Essen), versteifen wir uns nicht darauf, diese Gespräche unbedingt an einem festgelegten Essenstermin stattfinden zu lassen. Stattdessen nutzen wir Gesprächssituationen, die natürlich entstehen, z.B.

  • beim abendlichen Ins-Bett-kuscheln
  • beim gemeinsamen Spielen
  • manchmal eben auch beim Essen.

Wir haben für uns entschieden, möglichst viel Druck rauszunehmen und führen dafür entspannte aber ungeplante Gespräche mit unseren Kindern.

Mein Fazit: Anpassung? Ja bitte! Wie viel? So viel wie irgend möglich.

2. Gib deinen Kindern mehr Entscheidungsgewalt

Auch diese Aufforderung kann ich nur voll unterstützen. In „Was Frieren mit Selbstorganisation zu tun hat“ habe ich z.B. darüber geschrieben.

Wenn ich mich allerdings den Beispielen widme, die der Sprecher anbringt, dann gibt es da noch viel Luft für echte Mitbestimmung der Kinder. Ich habe den Eindruck, dass er starke Mitbestimmung zwar gern umsetzen möchte, seinen Kindern aber noch zu wenig zutraut. Und Verantwortung ohne Vertrauen führt nur zu Frust für alle Beteiligten.

Beispielsweise spricht Feiler darüber, dass sie in ihrer Familienkonferenz diskutieren, wie das „Überreagieren“ seitens der Kinder reduziert werden könnte. Als Lösungen werden Zeitfenster diskutiert, wie lang ein Kind überreagieren darf und ab wann es Strafen geben soll.

Da hätte ich ein paar Fragen:

  1. Gelten die Regeln für das „Überreagieren“ auch für die Eltern?
  2. Wer definiert denn, was „überreagiert“ ist?
  3. Würdest du in deinem Agilen Team (von Erwachsenen) ernsthaft besprechen, welche Strafen es für Fehlverhalten geben soll?

Wenn du eine Methode nur bei Kindern anwenden würdest, im Kontext von Erwachsenen aber als unwürdig empfindest, ist das ein guter Indikator dafür, dass diese Methode bei deinen Kindern nichts zu suchen hat.

Beim Thema „Überreagieren“ bin ich sehr empfindlich, da unser Wirbelwind vieles, was andere Kinder nicht besonders juckt, als Weltuntergang empfindet. Und nur weil sie so empfindsam ist, soll sie bestraft werden? Weil ihre Gefühle sie überwältigen, soll ich mit meinem Verhalten noch eine Schippe Frust drauflegen? Nein!

Warum wir Strafen und „Konsequenzen“ aus unserem Methodenkoffer für Agile Familien gestrichen haben, ist im Wunschkindblog schön erläutert:

Mein Fazit: Entscheidungsgewalt für Kinder: Absolut! Strafen? Nein!

Erzähl deine Geschichte

Hier finde ich den Titel schon nicht ganz passend gewählt. Was Feiler hier meint ist, wie man als Familie die Stabilität, das Fundament, nicht verliert, wenn alles beweglich ist („Pass dich immer wieder an“). Er bietet dafür zwei Methoden an:

  1. Eine gemeinsame Familien-Vision kreieren, die die Familienwerte für alle Familienmitglieder transparent macht
  2. Erzählungen über die Familiengeschichte, um die eigenen Wurzeln zu verfestigen

Aus meiner Erfahrung im Agilen Anforderungsmanagement kann ich die Erstellung einer Vision zur Visualisierung des gemeinsamen Ziels nur empfehlen. Auch am Anfang dieses Blogs stand zuerst eine Vision.

Da überrascht es dich vielleicht nicht, dass auch wir als Agile Familie eine Familienvision erstellt haben. Hier sind wir als Eltern allerdings in Vorleistung gegangen, da Wirbelwind Familienkonferenzen noch ablehnt und Sonnenschein sich noch nicht gut genug artikulieren kann.

Eine Familienvision würde ich also unterstützen. Kommunikation und Geschichten erzählen auf jeden Fall auch. Ob es immer Geschichten über die eigene Familie sein müssen, oder einfach Geschichten über das, was uns bewegt, würde ich hier aber eher frei stellen.

Mein Fazit: Familienvision: Ja gerne. Als Eltern zeigen, was uns bewegt: Unbedingt!

Lasst die Diskussion beginnen!

Als Gesprächseinstieg finde ich das Video toll. Ich liebe es, dass dadurch eine Diskussion darüber zustande kommt, wie sich Agiles Arbeiten auf das Familienleben auswirken kann. Wichtig ist nur, nicht bei den vorgestellten Agilen Methoden stehen zu bleiben, sondern den nächsten Schritt zu gehen: hin zu Agilen Werten, hin zur Agilen Familie.

Und damit möchte ich die abschließenden Worte des Videos zitieren: Was ist das Geheimnis einer glücklichen Familie?

Versuch es einfach!

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